Einbettung des Nacktheits-Begriffs in religiöse Leeren

Der Entwicklung vom Schmuck zur Kleidung hat, wie wir schon diskutiert haben, die Autorität der Elite aus Schamanen, Medizinmännern, Häuptlingen usw. gestärkt, weil diese sich ihren Anspruch auf schmückende Utensilien als erste sichern konnten. Die durch diese Symbole gestärkte Autorität der Führungsschicht nutzten sie dann geschickt aus, um mit ausgedachten Götter-Geschichten Dinge zu erklären, die für die Menschen damals eigentlich nicht erklärbar waren, und den normalen Menschen vorzugaukeln, sie hätten ein besonders gutes Verhältnis zu den Göttern und würden daher von ihnen mit außergewöhnlichem Wissen versorgt.
Diese Strategie machte ihre Autorität damals ziemlich unantastbar. Und das wirkt bis heute nach: Ein Großteil der Menschen aller möglichen Religionen in aller Welt lassen sich von ihren Priestern usw. noch heute die alten, vor langer Zeit erdachten Geschichten erzählen.
Trotzdem spielten und spielen religiöse Regeln im täglichen Leben ihre Rolle, und so ist es sinnvoll, einen Blick darauf zu werfen, wie denn der Wettstreit »Nacktheit gegen Kleidung« im Laufe der Geschichte durch religiöse Regeln beeinflusst wurde und wird.

Abrahamitische Religionen

Die jüdische Schöpfungsgeschichte der Tora wurde vom Christentum übernommen (Bibel). Auch im Koran wird die Schöpfungsgeschichte erzählt. Nach islamischem Verständnis benutzte Allah dieselbe himmlische Kopiervorlage, um dem Propheten die Schöpfungsgeschichte zu offenbaren. Auf diese Weise verfügen alle drei abrahamitischen Religionen über dieselbe Schöpfungsgeschichte, die von Adam und Eva als erste Menschen handelt.
Der Sündenfall trennt zwei fundamentale Nacktheitsbegriffe, die also alle drei genannten Religionen geprägt haben:
  • Nacktheit in Unwissenheit und Unschuld. Die Nacktheit Adams und Evas im Paradies war eine vollständige Kleiderlosigkeit in Unschuld, nämlich in dem Sinne, dass sie sich ihrer Nacktheit nicht einmal bewusst waren, bevor sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten. Dies ist am ehesten gleichzusetzen mit der tierlichen und kleinkindlichen Nacktheit, also dem Urzustand der irdischen Lebewesen aller Arten. Die hebräische Sprache benutzt hierzu das Wort ārôm.

  • Bewusste, schambesetzte Nacktheit. Die Nacktheit Adams und Evas nach dem Sündenfall war bewusst und schambesetzt und veranlasste sie, sich mit Feigenblättern zu bedecken. Die hebräische Sprache benutzt hierzu das Wort êrom. Übrigens haben beide Begriffe der hebräischen Sprache keine sexuelle Konnotation, sondern beschreiben nur die verschiedenen Sinnbesetzungen der Nacktheit.

    In allen bekannten Quellen wird diese paradiesische Nacktheit durch die biblischen Worte nach dem Sündenfall "und sie sahen, dass sie nackt waren" auf die bloße Nacktheit bezogen. Was aber sollte an Nacktheit problematisch sein?

    Tatsächlich dürfte die Erkenntnis gelautet haben "und sie sahen, dass sie geschlechtliche Wesen waren", denn wie wir aus der Ethnologie wissen, war die sexuelle Handlungsscham einer der wichtigsten Ursprünge aller Genital- und Körperteilscham.
Nackt und gluecklich: Adam und Eva vor dem Apfelbiss. Quelle: wikimedia commons

Verschämt und ungluecklich: Adam und Eva nach dem Apfelbiss. Quelle: wikimedia commons
Adam und Eva vorher/ nachher
Es gibt eine weitere Bedeutung, die für Nacktheit steht, und die ebenfalls in allen drei Religionen begründet ist:
  • Die Nacktheit als Ausdruck von Armut.
    Alfred Rethel: Der heilige Martin teilt seinen Mantel
    Mit der Aufforderung "Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn." verspricht der Tanach, die Bibel wie der Koran demjenigen, der dieser Aufforderung Folge leistet, Heil, Gesundheit und anhaltend gute Versorgung. Umgekehrt brandmarken die heiligen Bücher alle Frevler, die den Bedürftigen Kleidung und Nahrung vorenthalten.

Juden und Christen ist noch die Geschichte Sauls gemeinsam:

  • Nacktheit als Ausdruck des Wahns. Die Nacktheit Sauls, der sich die Kleider vom Leibe reißt und damit symbolisch die Fähigkeit zur Herrschaftsausübung als König verliert. Die Schilderung der geistigen Umnachtung Sauls ist im Koran nicht enthalten.

Schöpfungsgeschichte ↔ Realität

Die Schöpfungsgeschichte der Juden, Christen und Muslime ist natürlich falsch und entspricht nicht den naturwissenschaftlich belegten Tatsachen. Der  jüdische Kalender (das Jahr 1 ist das Jahr nach der Schöpfung ≈ 3761 v. C., der 07.09.2021 war Neujahr 5782) verlegt den Beginn der Welt in das 4. vorchristliche Jahrtausend, also in eine Zeit, in der in Ägypten das Alte Reich entstand. Die Erde ist jedoch 4,5 Milliarden Jahre alt, und die Geschichte der Menschheit kennt seit der Entstehung von menschenartigen Lebewesen vor ca. 6 Millionen Jahren eine lange Epoche von rund 4-5 Millionen Jahren, in der die Menschenartigen und frühen Menschen sich eher wie heutige Primaten verhalten haben.
Ähnlich wie bei heute lebenden Primaten gab es nur einen begrenzten Kontakt und Austausch über die Sippengrenzen hinaus. Ganz sicher war das nackte Zusammenleben in dieser frühgeschichtlichen Zeit noch eine paradiesische Nacktheit auf Erden, weil sie für alle selbstverständlich war und sich niemand so etwas wie Kleidung überhaupt vorstellen konnte. Folglich konnte es keine bewusste Nacktheit geben - Nacktheit war alternativlos und damit unbewusst und selbstverständlich.
Aus dem Zusammenleben innerhalb des Rudels unter dem traditionellen Regime eines Rudelführers entwickelte sich erst ganz langsam im Lauf der letzten 2 Millionen Jahre ein bedachtes, bewusstes und sozial geprägtes Zusammenleben in einer Sippe. Ein sozialer Konsens innerhalb der Sippe schälte sich wahrscheinlich erst in den letzten 200.000 Jahre der Menschheitsgeschichte heraus, der schließlich auch eine komplexe, ja abstrakte Denkfähigkeit in einer Meta-Ebene voraussetzte.
In den vielleicht 100.000 Jahren, in denen Kleidung bereits erfunden war und von einer elitären Minderheit verwendet wurde, blieb die Mehrheit der Menschen ihrer Millionen Jahre alten Tradition treu und wandelte wissend nackt durchs Leben. Es war auch viel praktischer, bei der körperlichen Arbeit auf dem Feld oder bei der Jagd auf Kleidung zu verzichten: Sie war nur hinderlich. Erst am Endes des Alten Reichs Ägyptens (um 2.200 v. C.) setzte sich Kleidung langsam auch in der einfachen Bevölkerung durch. Noch später, um 1.000 v. C., setzt die Geschichtsschreibung der Juden ein. Es wundert also nicht, dass Judentum, Christentum und Islam den bekleideten Menschen als normal empfinden.

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