Der Lange Marsch der Kleidung durch die Menschheitsgeschichte

Der Wettstreit der Kleidung gegen die Nacktheit entwickelte sich über die Jahrtausende zu einem Langen Marsch der Kleidung durch die Menschheitsgeschichte. Sicher scheint, dass nach ersten Schritten in Richtung Kleidung über Jahrzehntausende hinweg die alltäglich gelebte Nacktheit beibehalten wurde und das Anlegen von Kleidung seitens besonderer Persönlichkeiten oder zu besonderen Anlässen praktiziert wurde - außer natürlich zum Schutz vor Kälte bei den in kühlere Klimazonen migrierten Menschen.
Allerdings ist dieser Lange Marsch der Kleidung nicht dokumentiert, denn die Schrift wurde erst vor rund 6000 Jahren erfunden, und früheste Malereien stellen fast nie Menschen dar, sondern haben kultischen Charakter und zeigen zunächst Jagdtiere, vor deren Bildern die Menschen mit feierlichen Zeremonien den erhofften Jagderfolg beschwören konnten.
Die Zeichnung des Bisons in der Altamira-Höhle (Nordspanien) ist ca. 15.000 v. C. erstellt worden. Die Höhlenwände sind dort sehr dicht und teils überlappend mit neuen Motiven übermalt worden. Zweifellos dienten die Bilder kultischen Zwecken. Das Foto gibt eine Reproduktion der Original-Zeichnung wieder, da von der Felswand nur noch geringe Farbspuren analysiert werden konnten. Public Domain.
1/11 Bison-Zeichnung, Altamira-Höhle (Nordspanien), ca. 15.000 v. C. Die berühmte Zeichnung mit den 4 Pferde-Köpfen aus der Chauvet-Höhle (Frankreich) ist ca. 13.000 v. C. erstellt worden. Auch hier erkennt man, dass mehrere Bilder überlagert entstanden sind - die Felswand ist halt kein Zeichenblock, bei dem man die oberste Seite einfach abtrennen kann, wenn sie fertig gemalt ist. Foto: Nachosan, Creative Commons via wikimedia. Die Höhle von Niaux befindet sich im Pyrenäengebiet der Ariège im Gemeindegebiet von Niaux. Es handelt sich um ein weitverzweigtes Höhlensystem, das durch einen unterirdischen Wasserlauf in den Kalkstein gewaschen wurde. Darin befinden sich zahlreiche Höhlenzeichnungen, u. a. mit Darstellungen von Wisenten, Pferden, Steinböcken, einem Hirsch sowie bislang nicht interpretierbare Gruppen von Punkten und Strichen. Alter ca. 13.000 v. C. Foto: HTO, Public Domain. Auch ein Wiesel wird in einer Höhlenzeichnung von Niaux dargestellt. Alter ca. 13.000 v. C. Public Domain

Seltene Ausnahmen: Abbildung von Menschen in den steinzeitlichen Zeichnungen

Eine sehr ungewöhnliche Bildkomposition zeigt das »Schachtbild« aus der Lascaut-Höhle, auf dem ein durch die Jagd verletztes Wisent verblutet. Auf seinem Hinterleib ist eine Lanze mit Widerhaken positioniert. Auffällig ist jedoch vor allem die Figur eines Mannes mit Vogelkopf und erigiertem Glied - eine der sehr seltenen Darstellungen eines Menschen in dieser Zeit (ca. 17.000 v. C.). Zu seinen Füßen liegt noch ein Pfeil mit zwei Widerhaken - ein sich auch in anderen Bildern wiederholendes Symbol, ebenso wie die drei Doppelpunkte links. Deren Bedeutung wie auch die des Vogels auf der Stange konnte noch nicht schlüssig interpretiert werden.
Die Zeichnung des gejagten Wisents in der Lascaut-Höhle (Frankreich) ist ca. 17.000 v. C. erstellt worden. Die Beziehung, in der die Bildmotive zueinander stehen, ist noch nicht verstanden worden. Foto: Traumrune, Public Domain.
5/11 »Schachtbild«, Lascaut-Höhle (Frankreich), ca. 17.000 v. C.
Dass die Menschen überhaupt Zeit hatten, um Kunst zu schaffen, ist ein Zeichen dafür, dass die Lebensbedingungen günstig waren und sich in den Gesellschaften eine Bevölkerungsvielfalt entwickeln konnte, die eine Arbeitsteilung erlaubte: Es waren nicht mehr alle im gleichen Maße mit der elementaren Notwendigkeit der Nahrungsbeschaffung und -zubereitung beschäftigt, sondern es ergaben sich Möglichkeiten zur Arbeitsteilung, etwa der Spezialisierung auf Werkzeugherstellung - oder eben der Erstellung von Kunstwerken, die Mittelpunkt bei Zeremonien wurden.
Mit dieser Entwicklung einher ging die stärkere Ausbildung sozialer Strukturen und die Erweiterung der Lebensauffassung, also die Ausbildung von Kult und Kultur. Auffallend ist in dieser Hinsicht auch, dass die Verbreitung persönlichen Schmucks etwa ab 34.000 v. C. deutlich zunahm, einschließlich der Grabbeigaben für Verstorbene.
Viele der Zeichnungen der Jagdtiere in der Höhle Pech Merle (Frankreich) sind von ein und demselben Künstler erstellt worden. In den Höhlen des Lot-Tals wurden auch Farbspuren gefunden, die 64.000 Jahre alt sind und daher nur von Neandertalern stammen können. Public Domain.
6/11 Höhle Pech Merle (Frankreich)
Dass es unter den Menschen auch ausdrücklich »Künstler« gab, erkennt man etwa daran, dass in der Höhle Pech Merle im Département Lot zahlreiche Malereien modernen Analysen zufolge eindeutig von nur einer Person gefertigt wurden.
Der »Zauberer« wird diese merkwürdige Figur genannt, die teils menschliche Proportionen, aber den Körper, die Gliedmaßen und den Kopf eines Tieres mit Hörnern trägt und in sitzender Haltung mit erigiertem Glied dargestellt ist. Foto: Locutus Borg, Public Domain.
7/11 Der Zauberer - ein Mischwesen
Auch die männliche Figur, die auf einer halben Knochenscheibe eingeritzt ist, ist in sitzender Stellung dargestellt und offensichtlich unbekleidet. Foto: Musée des antiquités nationales, Saint-Germain en Laye. Creative Commons via wikimedia Felsmalerei im Tassili n'Ajjer, Sahara, Algerien
Auch wenn die (seltenen) Darstellungen von Menschen oder menschenähnlichen Wesen in den Zeichnungen durchweg ohne jede Spur von Kleidern erfolgte, sagt das nichts darüber aus, ob die Menschen zu dieser Zeit schon häufiger Kleidung trugen oder nicht - dazu war der Kultzweck der Bilder zu zentral: Die Bilder waren keine Reportagen von Alltagsszenen, sondern dienten als Mittelpunkt zeremonieller Tänze oder Kulte.

Älter als erhaltene Höhlen-Zeichnungen sind aus Elfenbein geschnitzte Venus-Figuren

Die Venus vom Hohlefels wurde in der Schwäbischen Alb in mehreren, weit verteilten Bruchstücken gefunden, die von den Archäologen erst wieder zusammengefügt werden mussten.
10/11 Die Venus vom Hohlefels, ca. 35.000 v. C.
Sicher wurde die ca. 6 cm hohe Figur als Symbol der Fruchtbarkeit verehrt und gefeiert, und im Lauf des nachfolgenden Jahrzehnts wurden derlei Figuren in ganz Europa verbreitet - die Venus von Willendorf ist ein Beispiel dafür, ein anderes die Venus von Brassempouy. Ebenso sicher lassen sich allerdings auch von solchen Kult-Figuren keinerlei Rückschlüsse auf die Kleidungsgewohnheiten ihrer Verehrer schließen.
Die Venus von Brassempouy wurde 1894 in der Grotte du Pape bei Brassempouy (Frankreich) gefunden. Die geschnitzte Elfenbein-Figur zeigt bereits sehr lebendige, menschliche Formen. Public Domain.
11/11 Die Venus von Brassempouy, ca. 26.000 v. C.
Wir können also anhand der bildlichen oder figuralen Darstellungen aus der späten Altsteinzeit und frühen Jungsteinzeit nicht ableiten, ob und wann sich in den prähistorischen Gesellschaften Kleidung als tägliches Utensil irgendwann etabliert hat: Es fehlen schlicht die historischen Belege. Werfen wir also als nächstes einen Blick auf die historischen Kulturen, angefangen mit Ägypten und dem Fruchtbaren Halbmond.

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