Nacktheit im Christentum

Im Christentum spielt die Geschichte Jesu eine entscheidende Rolle, dessen Schicksal ein weiteres Nacktheitsbild geprägt hat. Die Geschichte des heiligen Franz von Assisi enthält eine Bedeutung der Nacktheit, die sich auch in anderen Kulturkreisen wiederfindet.
Nacktheit als Demütigung. Die Nacktheit Jesu als
Jesu Geißelung (Warendorf Altar). Quelle: wikimedia commons
Gepeinigter und Gegeißelter steht für die Nacktheit als Strafe und Zeichen tiefer Demütigung, die sich bis zum mittelalterlichen Pranger wie heutigen Verhörmethoden unter Folterbedingungen oder Siegerposen verrohter Soldaten mit gefangenen oder getöteten Gegnern erhalten haben.

Die Nacktheit Jesu als Gekreuzigter versinnbildlicht die Fortsetzung und Steigerung der Demütigung bis in den Tod. In der Geschichte sind von Tötungen aller Art - Kreuzigungen, Enthauptungen, Erschießungen u.a.m. - immer wieder Praktiken dokumentiert, bei denen die Delinquenten sich vor ihrem Tod entkleiden mussten, um so demonstrativ in tiefster Schmach ihrem Ende entgegen zu gehen.
Nacktheit als Askese. Die Nacktheit
Franziskus auf dem Marktplatz von Assisi - gibt seinem Vater die Kleider zurück. Quelle: wikimedia commons
des Heiligen Franziskus als Symbol für den Verzicht auf alle irdischen Güter und die vollständige Hinwendung zu Gott. Franziskus sagte sich im Laufe eines Gerichtsverfahrens auf dem Marktplatz von Assisi von seinem Vater, einem wohlhabenden Kaufmann, los, zog seine Kleider aus und gab sie seinem Vater zurück.

Diese Sicht der Nacktheit ist eine Ausprägung der asketischen Nacktheit, die Jahrhunderte zuvor im Jainismus und Buddhismus entwickelt und im klassischen Altertum in der nackten Lebensweise von Philosophen wie Diogenes praktiziert wurde, was wiederum zahlreiche Einsiedler und Mönche bis ins Mittelalter zum Vorbild nahmen.

Katholische Sozialethik

Nacktheit als Lobpreisung der göttlichen Schöpfung
Karol Wojtyla (1920-2005),
Karol Wojtyla als Bischof in Polen. Quelle: wikimedia commons
später bekannt als Papst Johannes Paul II., lehrte von 1953 bis zu seiner Berufung zum Papst 1978 Ethik an der Katholischen Universität Lublin (KUL). In seinen Studien stößt er u. a. auf die Neuinterpretation der katholischen Sozialethik von Jacques Maritain, in dessen moderner Deutung auch die ethische Rechtfertigung der Demokratie genannt wird: Die Demokratie sei diejenige moderne Regierungsform,
Liebe und Verantwortung
die die menschliche Würde am meisten achte. Seit 1954 lehrte Wojtyla auch Moraltheologie und Sozialethik an der Universität Krakau.
Aus dieser Zeit stammt auch das heute als Fundamentalwerk zur katholischen Sozialethik geltende Buch "Liebe und Verantwortung" von Karol Wojtyla.
In diesem Buch ist zur menschlichen Nacktheit formuliert: "Weil Gott ihn geschaffen hat, kann der menschliche Körper nackt und unbedeckt bleiben und bewahrt unberührt seinen Glanz und seine Schönheit." Der nackte menschliche Körper kann also als Form der Lobpreisung der göttlichen Schöpfung gelten. Weiter heißt es: "Nacktheit als solche darf nicht gleichgesetzt werden mit physischer Schamlosigkeit." Nacktheit als solche sieht die katholische Sozialethik also nicht als schambesetzt, erst durch begleitende, schambesetzte Aktivitäten kann Nacktsein zu einer Begleiterscheinung schamlosen Handelns werden.
Ein weiteres Zitat aus dem Buch grenzt Nacktheit von Unanständigkeit ab: "Unanständigkeit ist nur gegeben, wenn Nacktheit eine negative Rolle in Hinsicht auf den Wert einer Person spielt." Auch hier wird die Nacktheit an sich als nicht unanständig, also als anständig bewertet. Fehlender Anstand wird erst dann beklagt, wenn die Nacktheit etwa als abwertend oder erniedrigend wirkendes Mittel eingesetzt wird, z. B. bei Folter. Die katholische Sozialethik zeigt also eine der Nacktheit gegenüber sehr offene, dem Naturismus sehr nahe Einstellung.

Der Islam

Mounir, ein Muslim aus Frankreich, sandte vor einiger Zeit eine Liste von Koranversen an natury, in denen es um Kleidung geht: 7:20, 7:22, 7:26-27, 7:31, 20:118-119, 20:121, 24:31, 24:58, 33:59. Er sei, so schrieb er, skeptisch, dass ein Muslim Naturist sein kann (oder darf), und frug bei natury nach, was man hier davon halte.
Der Koran enthält einige Verse über das Tragen von Kleidung. Deshalb wird oft behauptet, dass im Islam Nacktheit verboten oder gar als Sünde deklariert sei.
Nun ist es allerdings so, dass die Auslegung des Korans eine Wissenschaft für sich ist. Die "Koran-Exegese" gilt seit Jahrhunderten als anspruchsvolle, wissenschaftliche Disziplin. Die Kölner Islam-Wissenschaftlerin Katajun Amirpur schreibt dazu in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT:
"Selbst die traditionelle islamische
Koran | Qur ân
Exegese setzt einen Bezug von Offenbarung und Geschichte voraus und besteht auf der Notwendigkeit, sogar scheinbar klare Verse einer detaillierten sprachlichen und historischen Interpretation zu unterziehen, statt sie einfach wörtlich aufzufassen. Das wird in unseren Breiten allerdings wenig wahrgenommen. Das Verfahren, sich einzelne Verse aus dem Koran herauszupicken, um so meist nur die eigenen vorgefassten Thesen zu belegen, wie es Islamkritikerinnen und Fundamentalisten heutzutage gleichermaßen praktizieren und sie derart zu einem ungewollten Schulterschluss zusammenfinden, ist aus islamisch-theologischer Sicht grotesk, ja mehr noch: Es ist ein Zeichen vollständiger Ignoranz. Der Koran ist kein Steinbruch."
Man kann sich also kein einzelnes (Vers-) Zitat herauspicken und die darin enthaltene Formulierung als allgemein gültig interpretieren - oft sind die Koran-Suren auf bestimmte historische Situationen bezogen (z. B. die Sure 48 (al-Fath = Der Erfolg), die während einer Kriegs-Situation zwischen Medina und Mekka entstand) und in ihrem Wortlaut für sich genommen eben nicht allgemein gültig, sondern kontextbezogen.
Ebenso sind viele Koran-Verse nur in Zusammenhang mit anderen Versen zu betrachten, um zu korrekten Interpretationen zu gelangen.
Das macht für natury (und andere Laien) die Auslegung der Koran-Aussagen zum Thema Kleidung nicht einfach. Tatsächlich können wir aufgrund fehlender, wissenschaftlicher Basisarbeit den Anspruch einer fundierten Koran-Analyse nicht erfüllen. Wir sind uns dessen bewusst und weisen ausdrücklich darauf hin.
Der Vers 7:26 sagt: "O Kinder Adams, hinab sandten wir auf euch Kleidung, eure Blöße zu bedecken, und Prunkgewandung; aber das Kleid der Gottesfurcht, das ist besser.".
Kleidung zur Bedeckung der Nacktheit wird also gut geheißen, aber wenn man seine Nacktheit nicht bedeckt, dafür aber von Gottesfurcht geprägt ist - dann ist man besser bekleidet als mit jeder anderen Kleidung. Wer also gottesfürchtig ist, kann ruhig nackt bleiben.
So weit die isolierte Interpretation dieses einen Verses, zu dem es unserer Kenntnis nach keinen anderen Koran-Vers mit verwandter Thematik gibt. Vers 7:26 scheint jedem Muslim den Weg zum Naturismus - auch mit öffentlicher Nacktheit - zu ebnen, Voraussetzung ist nur tiefe Gläubigkeit. Ob das auch für Frauen gilt, ist kaum zu entscheiden. Zwar sind laut Koran Mann und Frau gleichberechtigt, andererseits gelten für Mann und Frau aber durchaus unterschiedliche Regeln. Diese - wie auch Aussagen zu anderen Fragen - wollen wir wegen der Komplexität der islamischen Interpretationskunst den Islam-Wissenschaftlern überlassen.
Auch unter Muslimen gibt es Menschen, die erkannt haben, dass Nacktheit im Islam keine Sünde ist. Die Web-Beiträge von Farhat Othman beinhalten dazu ausführliche Abhandlungen (Sprache: frz.), aber auch zahlreiche - ihm teils widersprechende - Antworten oder Kommentare:

Weiter: