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Aus Hans W. Fischer: Das Schlemmerparadies

 

Nackt sein; die eigene Oberfläche spüren, Gefühl haben der eigenen Haut - wahrlich, ungebildet ist, wer diesen Genuss nicht kennt.

Schon angezogen bekommt man zuweilen einen Vorgeschmack. Etwa, wenn schwere Gewittertropfen einzeln durch die Kleider schlagen, oder gar, wenn ein stürzender Platzregen einen überschwemmt - herrlich, sofern man weitertrabt, bis man sacht zu dampfen anfängt, und so den Ort erreicht, wo das frische Hemd über einen rieselt. Auch der Wind besorgt's, wenn er Gesicht und Hände mit Nadeln peitscht, und durch die Kleider blasend, den ganzen Adam prickelnd überströmt; tritt man in den Windschatten, so steht man von einem dünnen Feuer umnesselt.

Und die liebe Sonne: sie bohrt ihre Strahlen so geschickt durch das Zeug, dass man vor Wohlbehagen einen Katzenbuckel macht. Jedesmal, wenn man so von ungefähr angetupft wird, antwortet das Blut auf die Berührung - es tanzt, es kobolzt, es kocht leise, und die Haut wird unter Druck und Gegendruck prall. 

Eine innere Stimme aber mahnt: Mensch, enthülse dich! Reiß die Kleider ab, dass Luft, Licht und Wasser an dich drankönnen! Dieser Ruf dünkt mich ausreichender Grund, um sich der Hose und des Hemds schleunigst zu entledigen. Es ist unnötig, dieses ganz primitive Bedürfnis ästhetisch zu verschleimen oder hygienisch aufzuziehen. 

Nacktkultur ist etwas sehr Furchtbares, da sie Hängebäuche und rachitische Beine ermutigt, sich schamlos vor anderen zu entblößen. Und die biedere Gewissenhaftigkeit, die das Glück der Nacktheit mit der Uhr in der Hand verübt, bleibe den Subalternbeamten des Genusses vorbehalten. Nein, wir werfen mit den Kleidern zugleich alle Absichten und Erwägungen von uns und genießen in Unbefangenheit, was uns gut tut. 

Von der Sohle auf steigt das Frohgefühl, wenn der Fuß in tauiges Gras tritt, den elastischen Widerstand jedes Halmes spürend, kitzlige Rispen über die Zehen tropfend, Wade und Kniekehle streifend - und dann den Körper hineingeworfen, dass er rundum übersprüht wird, einen feuchtschweren Busch obendrüber geschüttelt. 

Oder plötzlich auf Sand im Seewind stehn, vorn gleichmäßigen Wind umspült, die Arme lüftend, dass der kühle Strom durch die flaumige Wärme der Achselhöhlen streicht. Oder ausgestreckt liegen auf Stein, der ganz durchglüht ist, bei jeder Verschiebung immer neue Wärme spürend, den trockenen Steinduft atmend, dem sich der von Thymian und kleinen Erdbeerstauden und krümeligem Moos beimischt, eine Sommerwolke hoch über sich, die ins Blau schmilzt; ganz hingegeben der Strahlung, die durch die Haut ins Blut sickert, bis es leise schäumt, feiner Schweiß aus den Poren dringt und das Herz angenehm schwach wird; dann die Kühlung des milchweißen Bachs, dessen Wasser die Hand vorsichtig schöpft und zersträubt, ehe der Körper sich von der Welle überschauen lässt. 

Oder schlafen im Heidekraut, still übersummt, die kleine Sparrigkeit der nachgiebigen Stengel, die Rauheit der teetrockenen Blätter und das Krabbeln der knubbeligen Blütenstände empfinden, die sich leichte Gruben, ein ganzes Tapetenmuster in die lind gewordene Haut drücken und deren Duft an dir tagelang hängenbleibt, dass du beim abendlichen Hemdwechsel rasch mal an deinem verjüngten Fleisch schnupperst. 

Oder in eine Wiese sinken, von Schaumkraut überschwemmt, von Dolden überschirmt, so hineinverflochten in die quellende Saftigkeit des Untergrundes, dass seine Kraft in die eigenen Adern rinnt und man es als das Natürliche empfindet, wenn ein Zitronenfalter auf der Brustwarze oder die schillernde Wasserjungfer auf dem Knie Platz nimmt und mit den Flügeln schlägt - man fühlt ihr Wehen. 

Oder schließlich, ein Moospolster unterm Kopf, auf einer glatten, federnden Matratze von Kiefernadeln, auf der man mit dem ganzen Körper Schlitten fahren kann, in schwebender Hitze harzig umhaucht. Alles dieses ist schön allein, freilich auch schön zu zweit: das aber nur, wenn dieses zweite Wesen völlig dem Draußen angeglichen und blutsverwandt ist. Sicherer - ja, sicherer ist es schon allein. 

Mensch, bist du schon einmal, bloß weil es dir Spaß machte, kopfüber in einen lodernden Haufen welker Blätter gesprungen? Welche Freuden die Nacktheit darbringt, wissen die meisten Menschen immer nur noch vom Baden. Sie haben nur einen Teil, wenn schon einen wesentlichen. Ins Wasser muss man sich hineinlegen wie in ein Bett. 

Wer mit Wollust schwimmt, schwimmt ganz waagrecht, so dass beim Vorstoß die rückströmende Flut den ganzen Körper streift. Man legt sich ein wenig auf die Seite, nur einen Arm voran, die ganze Form so zugespitzt wie möglich, und hält jeden Stoß aus, bis man stillstehend zu sinken beginnt. Die beste Art, ins Wasser zu gelangen, ist ein ganz flacher Kopfsprung, dass man dicht unter der Oberfläche hinschießt wie ein Fisch, silbern durch die Kühle gerissen. 

Wer nicht schwimmen kann, weiß nicht, was offenes Wasser ist; er bleibt, und wenn er bis zum Halse drinsteht, ein Fremdling. Die Freuden des Dauer- und Sportschwimmens gehören nicht hierher, sie sind Arbeit. Aber die vollkommene Sicherheit muss man jedenfalls haben, die nicht mit eifrigem Schnauben breitbrüstig durch die Wogen bricht, sondern sich gelassen der Tragkraft vertraut. 

Man muss sich sielen und räkeln können, Nase im Wasser, alle viere abwechselnd von sich streckend, muss sich glatt wie ein Seehund wälzen können, muss sich von der steigenden Welle heben und mit der sinkenden zu Tal gleiten lassen wie ein Stück Holz, muss im Wasser schweben. Strampelei ist ein Extravergnügen, nötig darf sie nicht sein. Schwimmen sei Hingabe. Man nimmt auf, öffnet sich dem Element.