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Die Genesis der Bibel, speziell die Geschichte vom Sündenfall, ist eine Verwechslung von Ursache und Wirkung. Den Autoren der Heiligen Schrift, die die Geschichte falsch erzählt haben, will ich dabei keinen Vorwurf machen. Damals war die Wissenschaft der Ethnologie noch unbekannt, und die Ergebnisse dieses Forschungsgebiets lagen noch nicht vor. Deshalb mussten die Bibel-Autoren sich eine Geschichte ausdenken, die dem damaligen Wissensstand und der herrschenden Vorstellung entsprach, und die von den Menschen damals auch verstanden werden konnte.

Hier erzähle ich aber, wie sich die Sache wirklich abgespielt hat, wie also die Sünde in die Welt kam:

 

Aus der Ethnologie wissen wir, dass die Menschen die ersten rund 5.900.000 Jahre der Menschheitsgeschichte nackt gelebt haben - quasi in paradiesischen Zuständen. Da die Wiege der Menschheit in Afrika liegt, waren die klimatischen Verhältnisse dazu auch hervorragend geeignet, und die üppige Vegetation bot auch bezüglich der Nahrungsversorgung paradiesische Verhältnisse. 1)

Die ethnologische Wissenschaft kennt vier Ansätze, weshalb die Menschen dann irgendwann begonnen haben, Kleidung zu tragen:

Die Kleidung entwickelte sich aus Schmuck, der am Körper getragen wurde. Schmuck war ein Statussymbol: Reiche konnten sich Schmuck leisten und damit ihren Status repräsentieren, war arm war, konnte keinen Schmuck tragen. Nachdem sich aus einzelnen Schmuckstücken Ketten, Halsbänder oder Lendenschnüre mit Anhängseln entwickelten, die irgendwann "bedeckten", war die Kleidung erfunden. Und so wurde mit dieser Entwicklung vom Schmuck zur Kleidung auch die Kleidung ein Statussysmbol: Reiche konnten sich Kleidung leisten, Arme mussten nackt bleiben. Das blieb so bis in biblische Zeiten, also bis vor rund 10.000 bis 5.000 Jahren.

Die Kleidung entwickelte sich vor rund 100.000 Jahren aus einer aufkommenden Scham heraus, die zunächst als Handlungsscham die Ausscheidungsvorgänge und sexuellen Handlungen betraf. Man begann, diese Tätigkeiten in Abgeschiedenheit zu verrichten und nicht in Gegenwart anderer. Aus der Handlungsscham entstand bald darauf eine Körperteilscham, die die Menschen veranlasste, die Organe der Ausscheidung und die sexuellen Organe zu bedecken. Die Schamfähigkeit unterscheidet den Menschen vom Tier, allerdings ist dem Menschen auch nur die Fähigkeit angeboren, sich zu schämen - wofür er sich schämen soll, wird ihm nur anerzogen.

Die Kleidung entwickelte sich aufgrund der Ausbreitung der Menschen in kühlere Regionen, in denen insbesondere während der Eiszeiten ein Schutz vor Kälte überlebenswichtig wurde.

Die Kleidung entwickelte sich aus der Nützlichkeit solcher Utensilien wie einer Lendenschnur oder eines Halsbandes, mit denen man Dinge, die man stets mit sich trug, nicht mehr dauernd in der Hand halten musste.

 

Jan Breugel, Der Apfel vom Baum der Erkenntnis

Was hat das alles mit dem Sündenfall zu tun? Sehr viel! Solange die Menschen nackt waren, gab es keine Sünde. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass die Menschen in nackter Gesellschaft rücksichtsvoller, fürsorglicher, liebevoller und zugewandter miteinander umgehen als in bekleideter Runde. Diese sozialisierende Wirkung nackter Gemeinsamkeit ist sicher kein neues Erlebnis sondern prägte auch die urzeitlichen Gesellschaften der menschlichen Frühzeit.

Aus der Statuswirkung der Kleidung heraus entwickelten sich schnell Abhängigkeiten und Machtausübung gegenüber Schwächeren - die Sünde war geboren, indem die Menschenrechte der weniger begüterten Menschen verletzt und Ungleichheit durch Schmuck und Kleidung offen demonstriert wurde. Sünde und Unrecht sind also Folge der Kleidung - und nicht etwa, wie die Bibel meint, entdeckten die Menschen nach der begangenen Ursünde plötzlich, dass sie nackt waren, und bedeckten sich. Umgekehrt wird ein Schuh d'raus!

Denselben Schluss legt auch die Betrachtung des Sachverhalts nahe, dass in allen bekannten, nackt lebenden Gesellschaften eine starke Tabuisierung der Sexualität gegolten hat, die strengen Regeln und Strafandrohungen unterlag. So wurden sexuelle Übergriffe, insbesondere Angriffe auf bestehende Lebenspartnerschaften oder junge Menschen, wirksam vermieden. Mit Erfindung der Kleidung konnten sich Täter vermummen, Exhibitionisten und Sexualstraftäter sich unter dem Schutz der Kleidung auf ihre Tat vorbereiten und ihre Opfer überrumpeln. Die Kleidung machte solche Taten erst möglich - Nackte sind keine Sexualstraftäter!

Auch der Brudermord Kains an Abel wäre ohne Kleidung nicht denkbar gewesen: Den eigenen, nackten Körper mit dem Blut seines Bruders zu besudeln ist ein unschöner Gedanke. Nach vollbrachtem Mord besudelte Kleidung einfach abzulegen und durch saubere Kleidung zu ersetzen ist die weitaus leichter in Kauf zu nehmende Alternative, zumal damit auch die Spuren der Tat leichter zu beseitigen sind. Kleidung macht Täter - Nackte sind keine Mörder!

Auch Missgunst und Neid, die Diebstahl oder Raub provozieren, sind eine Folge der Entwicklung, dass Statussymbole wie Schmuck oder Kleidung offen getragen wurden und damit die Verlockung wuchs, sich dieser Statussymbole durch Raub oder Diebstahl zu bemächtigen. Kleidung erzeugt Räuber - unter Nackten wird nicht geklaut!

Natürlich wird es auch in den nackt lebenden, menschlichen Urgesellschaften Hierarchien gegeben haben, so wie die Verhaltensforschung sie etwa bei Affengesellschaften auch beobachtet hat. Wir wissen freilich nichts darüber, in welcher Form diese sozialen Strukturen in frühmenschlichen Gesellsschaften ausgelebt wurden und welche Konsequenzen sich für das einzelne Individuum daraus ergaben.

Aber durch das Aufkommen von Schmuck und dadurch Kleidung wurden diese Strukturen nach außen sichtbar betont und damit verstärkt - und damit verstärkten sich auch die Spannungen zwischen den Menschen. Verstärkte Spannungen führen notwendigerweise auch zu verstärkten Übergriffen, sowohl in der Ausnutzung von Abhängigkeiten als auch im Aufbegehren gegen bestehende Strukturen. Die Kleidung bewirkte also die Zunahme von Unfrieden und das verstärkte Auftreten krimineller Handlungen: Durch die Kleidung wurde die Sünde geschaffen. 

Und nicht umgekehrt.

 

1) Die üppige Vegetation und paradiesischen Verhältnisse herrschten allerdings keineswegs konstant. Vielmehr gab es in der "Wiege der Menschheit" häufige und heftige Schwankungen zwischen feucht-üppiger (tropischer) und trocken-spärlicher (savannenartiger) Vegetation. Nach einer recht überzeugenden Theorie waren es gerade diese wechselnden Herausforderungen der Lebensumgebung, die die frühen Menschenartigen im Laufe der Zeit zu denkenden Wesen heranreifen ließen, die ihren Verstand und ihr handwerkliches Geschick gleicherweise entwickeln mussten, um unter den wechselnden Bedingungen überleben zu können, um schließlich auch vom reinen Sammler- und Jäger-Dasein zur Vorsorge-Wirtschaft zu finden.