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Der britische Philosoph, Mathematiker und Pädagoge Bertrand Russell (1872-1970) war einer der größten Geister des 20. Jhdts. Sein wichtigstes Werk sind die "Pricipia mathematica", in Co-Autorenschaft mit Alfred North Whitehead entstanden. Berühmt ist seine "Russelsche Antinomie", mit der er auf einen Mangel der Mengenlehre aufmerksam machte. Populäre Fassung: Ein Barbier rasiert alle Männer eines Dorfes, die sich nicht selbst rasieren. Die Frage, ob er sich selbst rasiert, führt sofort zu dem Widerspruch: Wenn er sich nicht selbst rasiert, dann rasiert er sich selbst. Und umgekehrt.

Sein meist gelesenes Buch ist hingegen "Warum ich kein Christ bin", in dem er u. a. Jesus als einen Menschen mit ziemlich schlechtem Charakter entlarvt: Weil er gerade Lust auf Feigen hat, der am Wegesrand stehende Feigenbaum aber gerade keine Früchte trägt (es ist nicht die Jahreszeit dazu), lässt er den Baum kurzerhand verdorren. Jesus zeigt also keine Achtung vor dem Zyklus der Natur, in dem auf die Zeit der Blüte die Zeit der Reifung folgt, bevor Früchte geerntet werden können. Stattdessen lässt Jesus seinem Jähzorn freien Lauf und vernichtet den Baum. Und ein Mensch mit derart schlechtem Charakter will Gottes Sohn sein?

Russell with John and KateZusammen mit seiner Frau Dora gründete Russell 1927 die Beacon Hill School speziell in Hinblick auf ihre beiden Kinder Kate und John, da die existierenden Schulen ihren Ansprüchen nicht genügten. Die libertäre, progressive Schule sollte ein rationales Denken vermitteln, und bewies ihre Aufgeschlossenheit so wie andere Schulen der Reform-Pädagogik u. a. durch Nacktheit beim Sportunterricht. Nach der Trennung von Betrand Russell 1932 führte Dora Black die Schule bis 1943 weiter. Russell selbst gab später selbstkritisch an, dass es den Kindern der Beacon Hill School nicht so gut erging wie erhofft.

Aus dieser pädagogisch geprägten Phase seines Lebens stammt auch das Buch "Ehe und Moral (Marriage and Morals)" (1929). Russell kam zu der Erkenntnis: "Wenn Kinder aufwachsen, ohne ihre Eltern und andere Menschen hin und wieder nackt zu erleben, müssen die Kinder zwangsläufig das Beacon Hill School Bertrand RussellGefühl bekommen, dass da ein Geheimnis ist, und wenn sie dieses Gefühl haben, werden sie aufgereizt und unanständig." Eine Gefahr für Kinder, aufgereizt und unanständig zu werden, besteht also genau dann, wenn ihnen das nackte Erscheinungsbild von Menschen vorenthalten wird.

Demselben Buch entstammt sein Bekenntnis zum Naturismus: "Es gibt auch viele wichtige Gründe für die Gesundheit zugunsten von Nacktheit bei geeigneten Umständen, wie im Freien bei sonnigem Wetter. Sonnenschein auf der nackten Haut hat eine äußerst gesundheitsfördernde Wirkung. Außerdem muss jeder, der je Kinder ohne Kleidung im Freien herumlaufen sah, davon überrascht sein, dass sie sich viel besser verhalten und sich freier und schöner bewegen, als wenn sie angezogen sind. Dasselbe gilt für erwachsene Menschen. Der richtige Ort für Nacktheit ist draußen in der Sonne und im Wasser. Wenn unsere Konventionen dies erlauben würden, würde dies bald keinen sexuellen Anreiz mehr auslösen; wir sollten uns alle besser halten, wir sollten von dem Kontakt von Luft und Sonne mit der Haut gesünder sein, und unsere Schönheitsstandards würden fast mit den Gesundheitsstandards übereinstimmen, da sie sich mit dem Körper und seiner Haltung befassen würden, nicht nur mit dem Gesicht. In dieser Hinsicht war die Praxis der Griechen zu empfehlen."

Fotos: Wikimedia Commons