Startpage nl20a  en20a  d20a  f20a  eo20a

Die im Vergleich zu allen Tieren extrem lange Entwicklungszeit der menschlichen Kinder bedarf eines stabilen sozialen Umfeldes, weil die Kinder als schwächste Mitglieder der Gesellschaft in ihrer Entwicklung sehr gefährdet sind, wenn es solche störungsfreie Umgebung nicht gibt. Besonders junge Frauen und Mütter mussten und müssen durch den Schutzschild eines praktizierten Sozialkodex vor Übergriffen geschützt werden.

Wir wissen aus der Beobachtung anderer Primaten (und natürlich auch aus dem menschlichen Erfahrungsbereich), dass Sexualität ein häufiger Anlass für soziale Kämpfe und Verwerfungen ist. So ziehen sich kopulierende Bonobo- und Schimpansenpaare gern in versteckte Ecken zurück, um beim Geschlechtsakt nicht von anderen Männchen beobachtet zu werden. Sie laufen in dieser recht wehrlosen Situation sonst durchaus Gefahr, dass ein konkurrierendes oder ranghöheres Männchen das kopulierende Männchen massiv angreift und vertreibt, um danach selbst das betreffende Weibchen zu besteigen.

Diese Taktik, sich zur Kopulation in die ungestörte Abgeschiedenheit zurückzuziehen, hat wahrscheinlich auch beim Menschen dazu beigetragen, dass sich eine "sexuelle Handlungsscham" entwickelt hat, die uns veranlasst, die sexuelle Vereinigung in Abgeschiedenheit und nicht vor den Augen von Beobachtern zu vollziehen.

Wir wissen auch aus Beobachtung von Menschenaffen, dass etwa Männchen ihr erigiertes Sexualorgan sicherheitshalber hinter einer Hand verstecken, wenn sie von ranghöheren Männchen beobachtet werden, um diese zu beschwichtigen. Andernfalls besteht auch hier die Gefahr, dass sie massiv angegriffen und vertrieben werden, wenn ein ranghöheres Tier seinen Harem gefährdet sieht. Auch solche Verhaltensweisen finden wir beim Menschen wieder, sie trugen vermutlich dazu bei, die "Genitalscham" zu entwickeln, also das Bestreben, die eigenen Genitalien nicht (ständig) offen sichtbar zu präsentieren, insbesondere dann, wenn ihr Zustand Paarungsbereitschaft signalisiert.

Mag dies Verhalten ranghöherer Männchen auch zunächst als egoistische Besitz- oder Rechteverteidigung erscheinen, so werden mit der Abstrafung sexueller Aktivitäten rangniedriger Tiere auch sexuelle Übergriffe auf etablierte und attraktive Weibchen verhindert oder reguliert. Dies ist der Beginn eines Sozialkodex, der der Gesellschaft durch dominante Tiere aufgeprägt wird, und jeder Verstoß gegen diesen Verhaltenskodex wird mit massiver Bestrafung geahndet. Die Ausbildung eines solchen Sozialkodex ist also keineswegs auf die Menschen beschränkt, und die eines Strafsystems zur Durchsetzung ebenso wenig.