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Die beiden Entwicklungen Erfindung des Schmucks und Erfindung der Scham sind Ursprung zu einer weiteren Erfindung gewesen, die Erfindung der Kleidung. Nachdem sich einerseits aus der Handlungsscham für Ausscheidungsvorgänge und sexuelle Handlungen im Verlaufe von vielen Jahrtausenden die Körperteilscham für das Gesäß und die Geschlechtsorgane unter den Menschen verbreitete, andererseits mit dem Tragen von Schmuck die Heraushebung einzelner Menschen als besondere Wissensträger begonnen hatte, konnten beide Entwicklungen zu dieser neuen Erfindung beitragen.

Mit dem Schmuck begann der Mensch, seinen Körper zu behängen, letztlich also Teile seines Körpers zu bedecken. Neben Federn im Haar gehörten sicher Halsbänder mit angehängten Amuletten zu den ersten Schmuckstücken. Wer nicht nur eine Lendenschnur um die Hüfte schlang sondern auch Schmuckstücke oder Bänder daran hängte, hatte bald sein Genital mit Schmuck bedeckt und konnte so der Körperteilscham gerecht werden, die ihm anerzogen worden war: Der Schurz war erfunden.

Natürlich blieb auch die Kleidung über Jahrtausende zunächst ein Privileg der Oberschicht. Auch wurde in der Frühgeschichte der Kleidung diese keineswegs immer getragen sondern nur zu besonderen Anlässen wie Festen oder Ritualen, keinesfalls aber bei der Jagd, bei der Feld- oder Hausarbeit - da störte sie ja nur, behinderte eher und hatte keinerlei Nutzen - so wie das bei den meisten Tätigkeiten auch heute noch gesagt werden kann. 

Dass Kleidung zu tragen etwas allgemein Verbreitetes und Alltägliches wurde, dauerte bis in historische Zeit, nämlich bis zum Mittleren Reich des Alten Ägypten (um 3000 v. Chr.). Noch über das Alte Reich (um 4000 v. Chr.) berichtete die Brockhaus Enzyklopädie: "Im übrigen ging man nackt.". Und in vielen Gesellschaften und Kulturen, die bis heute abgeschieden und ungestört auf Südseeinseln, im Amazonasgebiet oder in afrikanischen Savannen oder Urwäldern leben dürfen, wird bis heute nicht von allen Menschen oder nur zu besonderen Gelegenheiten Kleidung getragen. 

grab des ti detail konturenzeichnung 1887konturenzeichnung 1953arbeiter grab des ti          

Im Grab des Ti, eines hohen Beamten in der 5. Dynastie des ägyptischen Reiches, entstanden um 2400 v. Chr. umfangreiche Malereien. Sie stellen z. B. Szenen dar, die im Leben des Ti eine Rolle spielten, z. B. die Beaufsichtigung von Landarbeit, Entgegennahme und Verbuchung der Ernte usw. Auffällig ist, dass einige der Landarbeiter einen Schurz tragen, der vorn offen ist und dem Geschlecht der Männer entsprechend Freiraum gibt. Andere trugen offensichtlich gar keinen Schurz.

Es erscheint uns heute niedlich, dass dem Autor des Buches "Die Geschichte des alten Ägyptens" von 1887 diese Mode so frivol erschien, dass er für sein Buch eine bewusst falsche Konturenzeichnung anfertigte, in der entgegen der Original-Malerei alle Männer züchtig ihr Geschlecht mit einem Schurz bedeckten - aber vielleicht wäre seine Buchveröffentlichung andernfalls an der kaiserlichen Zensurbehörde gescheitert? Eine Konturenzeichnung desselben Motivs in dem Buch "Le tombeau de Ti" von 1953 stellte den Sachverhalt korrekt dar. Das vierte Bild zeigt weitere Arbeiter, die mit derselben knappen Mode bekleidet sind.

Uns zeigen die ägyptischen Malereien einerseits, dass in der Jahrhunderten, in der Bekleidung sich langsam durchsetzte, offensichtlich bekleidete und unbekleidete Menschen gemeinsam ihrer Arbeit nachgingen, und dass andererseits die Bedeckung des Geschlechts überhaupt nicht das Wichtigste war, was die Kleidung zu leisten hatte. Sie war ein Statussymbol, mit dem man zeigen konnte: Ich leiste mir etwas, was andere nicht haben!

Bis in die Zeit des klassischen bronzekrater von vix griech soldaten 600Griechenland war man offensichtlich wenig zimperlich, welche Körperregionen denn nun von Kleidung bedeckt werden sollten. Für die Soldaten etwa kam es hauptsächlich darauf an, diejenigen Körperteile mit einer bronzenen Rüstung zu schützen, die im Kampf besonders gefährdet waren: Kopf, Oberkörper und die Schienbeine. Der Unterleib blieb - wie auf dem Bronzekrater von Vix dargestellt - oftmals ungeschützt und nackt - mit dem Vorteil, sich möglichst ungehindert bewegen zu können und daraus vielleicht die entscheidende Überlegenheit gegenüber einem Gegner zu gewinnen.

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