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An den Ufern der Seine herrschen ähnliche Verhältnisse. Zwar duldet man im 16. Jahrhundert noch nackte Männer, aber die Frommen fühlen sich durch den Anblick unbekleideter Frauen mitten in der Stadt zunehmend beunruhigt. Pierre de Lancre berichtet von König Karl IX., dieser habe sich eines Tages in den Tuilerien ergangen, »und erblickte eine Frau (von vollkommener Schönheit), die völlig nackt vom Louvre zum Faubourg Saint-Germain hinüberschwamm; während er ihr wie sein ganzer Hofstaat gebannt zuschaute, tauchte sie plötzlich unter und entzog sich ihren Blicken. Auf der anderen Seite stieg sie in Windeseile ans Ufer, wo sie sich die Haare raufte. Dann ging sie davon und nahm ihren Stolz sowie Aller Augen und Herzen mit«. Der König, so behauptet Pierre de Lancre, sei so schockiert gewesen, dass man »kein Wort des Lobes aus seinem Mund vernommen« habe.

Am tiefsten erschüttert ist jedoch der Autor selbst, der »eine so sittenlose Tat, so unschicklich für die Schamhaftigkeit der Frauen« gar nicht heftig genug verdammen kann. Das Skandalöse an diesem Vorfall beruht nicht auf einem verdammenswerten Akt, der zur Promiskuität führen könnte, sondern auf dem Anblick der Nacktheit als solcher, die die Blicke der unfreiwilligen Zeugen »bannt«. »Sie steigt ins Wasser und entzündet ein Feuer bei den Zuschauern. Sie badet und erfrischt sich, sie aber entbrennnen«, entrüstet sich Pierre de Lancre, und das auf mehreren Seiten, die seinen inneren Aufruhr verraten.

Das wilde Nacktbaden am Seineufer ist den Frauen ab dem beginnenden 17. Jahrhundert untersagt. Der moralische Blick richtet sich nun auf die Männer, die dort weiterhin die paradiesischen Wonnen des Naturzustands genießen. Über die Moral entscheiden damals die Salons der Preziösen, über deren Prüderie der Marquis de Coulanges in einem seiner populären Lieder spottete: »Richtig nackte Männer« hätten die Damen am Seineufer erblickt und wären darufhin fast in Ohnmacht gefallen; nun würden sie am liebsten gar nicht mehr aus dem Haus gehen. Coulanges legt ihnen den Wunsch in den Mund, der König möge das Baden ohne Kleider streng verbieten.

Nun fielen die Preziösen leicht in Ohnmacht und hatten ziemlich feste Vorstellungen vom Hässlichen und vom Sublimen. Doch nicht alle Damen waren wie sie. Auch La Bruyère weiß von jenem Abschnitt des Seineufers zu berichten, wo die »Mannspersonen« an den Hundstagen Erfrischung suchten. »Man sieht von nahe bey zu, wie sie sich ins Wasser stürzen, und wieder heraussteigen ... Wenn diese Jahreszeit noch nicht da ist, so gehet das Frauenzimmer aus der Stadt daselbst noch nicht spatzieren; und wenn sie verstrichen ist, so kommen sie nicht mehr dahin.«

Ob es nun Interesse hervorruft oder Empörung — das Nacktbaden ist jedenfalls nicht länger unschuldig. Kleriker wie Bourdaloue nehmen Anstoß daran und auch die Obrigkeit: Joly de Fleury rügt 1724 die Männer, die sich »im Angesicht vieler Menschen, vor allem des anderen Geschlechts« zeigen — obwohl diese sich keineswegs darüber beschwerten! Er zögert nicht, die Nacktbader aller möglichen Laster zu verdächtigen, unter denen er auch »Schändlichkeiten« nennt, die sie mit anderen Männern trieben.

Die Bewohner von Paris haben immerhin den Anstand, zunehmend außerhalb der Stadtmauern zu baden. Der Graf von Soissons pflegte das vor dem Arsenal in der Seine oder in den Burggräben der Befestigungsanlagen aus der Zeit Karls V. zu tun. In Paris wusste man, dass er dabei besser nicht gestört wurde: gemeinsam mit den Edelleuten seines Gefolges veranstaltete er nämlich Wasserschlachten gegen Bürger, die zur gleichen Zeit dort baden wollten. Die Leibärzte Ludwigs XIII. und Ludwigs XIV. berichten, dass sich die Hoheiten nach Conflans, auf die Insel Gauloise, nach Saint-Germain oder nach Melun geleiten ließen, um ihr Bad zu nehmen.

Der König und der Hof hatten einen anderen Begriff von Schamgefühl als die Bürger von Paris. Wahrscheinlich ging Heinrich IV. ebenso im Adamskostüm ins Wasser wie seine Untertanen. Als er seinen Sohn 1609 auf seinem ersten Badeausflug begleitet, pinkelt der »gute König« Heinrich in die Seine. Der kleine Ludwig, damals noch nicht 8 Jahre alt, wird gedrängt, es seinem Vater nachzutun, doch er weigert sich hartnäckig, weil »er fürchtet, davon zu trinken«.

Quelle: Jean-Claude Bologne, Nacktheit und Prüderie, ISBN 3-7400-1138-6