nackt Sport

Die auf Sigmund FreudSigmund Freud zurückgehende These: "Sicher erwiesen ist nur, dass es eine angeborene »natürliche Scham« nicht gibt." wird von dem Ethnologen Hans Peter Duerr in Band 2 seines Werks "Der Mythos vom Zivilisationsprozess" im Rahmen seiner »Theorie der Körperscham« für nicht erwiesen gehalten. Er führt dazu einige Beispiele an:

"Es hat den Anschein, dass die meisten Kinder in einem bestimmten Alter anfangen, sich zu schämen, wenn andere Personen sie nackt sehen, und es wird berichtet, dass so mancher Erwachsene sich noch an die »Todesangst« erinnere, die er ausstehen musste, als man ihn als Kind dazu zwang, sich vor allem vor Kindern des anderen Geschlechts auszuziehen."

"Die Angmagssalik-Eskimo nannten die Pubertät... kanisulerser, »er (oder sie) fängt an, sich zu schämen«, und ab dieser Zeit konnte man kein Mädchen und keinen Jungen mehr ohne kurze Hosen sehen."

"Neill, der Begründer der Summerhill-Schule, berichtet, dass in den fünfziger Jahren nicht nur die Jungen Badehosen trugen sondern auch die Mädchen einen brustbedeckenden Badeanzug. Einige von den Mädchen sonnten sich zwar nackt, doch nie in Anwesenheit eines Jungen." Und weiter: "In den sechziger Jahren scheinen sich die Gewohnheiten allerdings teilweise geändert zu haben, denn die jungen Mädchen badeten meist auch dann ohne Badeanzug, wenn Jungen zugegen waren, aber diese blieben fast immer bei der Badehose, und zwar »aus Rücksicht auf physiologische Reaktionen, über die sie keine Kontrolle haben«."

"Auch bei der »orthopädischen Nacktgymnastik«, die der sozialdemokratische Volksschullehrer Adolf Koch ab dem Jahre 1923 ... durchführte, waren die zehn- bis vierzehnjährigen Mädchen nackt, während die gleichaltrigen Knaben eine Badehose anbehielten."

Wie die Naturisten gingen die jüdischen Kibbuzniks von der These aus, "dass von den historischen Hypotheken entschlackte Menschen sich »ohne etwas dabei zu denken« voreinander nackt zeigen könnten. Als freilich die älteren Buben und Mädchen, die gemeinsam in einem Zimmer schlafen und gemeinsam duschen mussten, dabei sexuelle Gefühle und Scham erlebten, schämten sie sich über ihre Scham und über Empfindungen, die sie als »schmutzig« ansehen mussten..."

Alle Naturisten wissen, dass Kinder von einem gewissen Alter an bis zum Ende der Pubertät nicht mehr nackt mit ins FKK-Camp oder an den Nacktbadestrand kommen, obwohl sie das von klein auf gewohnt waren.

Duerr ist der Ansicht, dass die Frage, ob Körperscham »genetisch fixiert« oder anerzogen ist, gegenwärtig nicht entschieden werden kann und hält es für erforderlich, unter zahlreichen weiteren, gesellschaftlichen Bedingungen Versuche durchzuführen und zu bewerten, bevor diese Frage entscheidbar wird.

Auffällig ist, dass alle seine Beispiele zu diesem Thema Kinder bzw. Jugendliche in der Pubertät betreffen. Ich bin demgegenüber der Ansicht, dass die beschriebenen Reaktionen der Jugendlichen auf die hormonellen, körperlichen und geistigen Veränderungen (durch Restrukturierung des Gehirns), die auf die Jugendlichen einstürzen, so gut wie überhaupt nichts mit Scham zu tun haben. Vielmehr sind die Betroffenen mit der Flut der über sie einstürzenden Veränderungen schlicht überfordert und gehen solchen Situationen einfach aus dem Weg, die ihnen nicht beherrschbar erscheinen.

Dabei steht auch nicht »die Sorge, etwas falsch zu machen und gegen Normen zu verstoßen« im Vordergrund, also das, was Scham definitionsgemäß ausmacht, sondern einfach der Wunsch, es zu solch komplizierten Situationen gar nicht erst kommen zu lassen, die für die Jugendlichen nicht vorhersehbare Erfahrungen beinhalten, für deren Bewältigung sie kein Handlungsrezept parat haben.

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